Wenn man ungefähr ein halbes Auge zudrückt, ist Bitcoin gestern auf einem neuen Allzeithoch angekommen. Und dabei ist die Situation heute so vollkommen anders als damals, dass man es gar nicht vergleichen kann – aber gerade deswegen muss.

Ein Allzeithoch meint eigentlich einen Preis, der so hoch ist wie noch niemals zuvor. Also der höchste Preis aller Zeiten.

5-Jahres-Chart des Bitcoin-Preises nach Bitcoin.de

Den hat Bitcoin, um das vorauszuschicken, noch nicht erreicht. Selbst dann nicht, als der Preis heute Vormittag ein Tages-, Woche-, Monats-, Jahres- und 3-Jahreshoch von rund 15.800 Euro erreichte. Der gewichtete Tagespreis lag gestern bei Bitcoin.de bei 14.615 Euro, und wenn kein Absturz geschieht, wird er heute deutlich über 15.000 Euro liegen.

Höher war der Preis nur Ende 2017, für einige wenige Tage: Am 17., 18., 19. und 20. Dezember 2017, mit einer Spitze am 18. von 15.585 Euro. Da fehlt nicht mehr viel. Damit war für Bitcoin gestern der fünftteuerste Tag überhaupt, und vielleicht wird heute sogar der teuerste aller Zeiten!

Wenn man sich dagegen den gewichteten Tageskurs im Monatsschnitt anschaut, haben wir bereits ein Allzeithoch: Er liegt im November bisher bei 12.893 Euro. Im Dezember 2017, dem zuvor stärksten Monat, lag er bei 12.255 Euro.

Und die Marktkapitalisierung, also das Produkt des Preises und der Anzahl Coins – sie hat heute Nacht mit 339 Milliarden Dollar bereits das alte Allzeithoch von 332 Milliarden Dollar am 17. Dezember abgelöst.

Das neue Allzeithoch ist also noch nicht komplett – aber es ist schon da.

Der Preis von Bitcoin im Winter 2017/18. Nur an vier Tagen war er höher als gestern.

Damals die Spitze einer Blase – heute erst ihr Anfang?

Man kann damals und heute nicht vergleichen – sollte es aber versuchen. Damals war Bitcoin in einer enormen Rally: Der Preis hat sich in einem Monat etwa verdoppelt, in zwei Monaten verdreifacht, in nicht mal vier Monaten verfünffacht, und im Verlauf von 12 Monaten fast verzwanzigfacht.

Der Kursverlauf im Jahr 2017 – von unter 1000 auf mehr als 12.000 Euro

Heute hat er sich im Lauf des vergangenen Monats zwar ebenfalls veranderthalbfacht. Doch die Marge bleibt zwischen plus 30 und plus 70 Prozent, selbst wenn man drei bis vier Monate herauszoomt, und sogar wenn wir vom absoluten Tiefpunkt der vergangenen 12 Monate ausgehen, dem März 2020, als der Kurs panisch wegen Corona eingebrochen ist, haben wir grade mal eine Verdreifachung. Die allgemeine Lage ist sehr viel stabiler.

Der Chart für 2020 kommt dagegen mit weniger Linien aus …

Damals war die Medienaufmerksamkeit allgegenwärtig. Die Anzahl der Google-Suchanfragen schnellte in surreale Höhen, keine Zeitung und kein Fernsehsender, die keinen Bericht zu unserer Kryptowährung brachten, die Mitarbeiter von Bitcoin.de kamen nicht mehr hinterher, die neu angemeldeten Kunden auch nur zu überblicken, und viele andere Börsen mussten die Systeme drosseln, um dem Handelsfieber Herr zu werden. Damals war überall zu spüren, dass wir in einer Blase waren, die um Weihnachten herum auf ihren Höhepunkt zusteuerte.

Globale Google-Trends für Bitcoin. Wo ist die Blase – und wo ist sie nicht?

Heute dagegen hat die Blase noch nicht einmal begonnen. Die Google-Trends sind relativ vergleichsweise moderat. Die Zeitungen und Fernsehsender üben sich in der üblichen Zurückhaltung, um ihre Leser und Zuschauer erst dann an Bitcoin zu erinnern, wenn sich die Blase schon so weit ausgebildet hat, dass ein Einstieg potenziell gefährlich wird. Das Handelsvolumen auf den Börsen ist stark, aber nicht sensationell, von einer Auslastung der Systeme kann keine Rede sein. Egal wohin man mit welcher Perspektive schaut – es gibt so gut wie keine Anzeichen einer Blasenbildung oder Überhitzung. Der Preis ist einfach nur Schritt für Schritt durch eine Tausender-Marke nach der anderen gekrochen, um da anzukommen, wo er nun steht – bei mehr als 15.000 Euro.

Damals eine Altcoin-Rally – heute kaufen Profis Bitcoin

Und noch etwas war damals anders als heute. Damals gab es eine gigantische Blase der Alt- und Shitcoins und -token. So gut wie alle wichtigen und unwichtigen Coins feierten irrsinnige Höchsstände: Ethereum über 1.000 Euro, Bitcoin Cash mehr als 2.000, Ripple (XRP) über 3, Litecoin bei etwa 300 Euro, Monero (XMR) bei knapp 400, selbst Cardano (ADA) bei einem Euro und Tron bei knapp 20 Cent.

Das „dump Money“, das „dumme Geld“ (sorry!), beziehungsweise die Alltagsinvestoren waren in voller Fahrt. Sie sahen den sagenhaften Preisanstieg hier und da und wollten nichts anderes, als die Zeit zurückdrehen, um in ein Asset einzusteigen, dass genauso rasant stieg, wie Bitcoin seit 2011 gestiegen war. Also kauften sie alles, was ihnen das versprach, mit viel Gier, aber ohne Wissen; ohne gewissenhafte Information, aber mit nervöser Eile und der Angst, etwas zu verpassen. Diese „Retail-Rally“ war das, was die Altcoin-Märkte explodieren ließ.

Die logarithmische Skalierung von Blockchain.com zeigt die Blasen am deutlichsten: Die von 2011, die von 2013 und die von 2017/18. In diesem Jahr ist dagegen noch keine wirkliche Blase zu sehen.

Heute dagegen ist von einer Altcoin-Rally keine Spur zu sehen. Bitcoin ist wieder kurz vor seinem Allzeithoch. Altcoins sind es nicht. Ethereum müht sich seit Wochen oder Monaten an den 400 Euro ab, ist mal drüber, mal darunter, während das Allzeithoch bei mehr als 1000 Euro lag. Ripple ist selbst an einem starken Tag wie heute gerade mal bei 30 Cent und damit weiterhin gut 90 Prozent vom Alltzeithoch entfernt; nicht besser sieht es bei Bitcoin Cash aus, das bei rund 220 Euro herumdümpelt. Litecoin hat mit heute 62 Euro zwar nicht ganz so viel verloren, ist aber ebenso wie Monero meilenweit vom Höchststand entfernt. Wenn ein Altcoin in die Nähe der Hälfte seines Allzeithochs kommt, ist das derzeit schon bemerkenswert und selten.

Anders gesagt: Es gibt noch keine Retail-Rally. Das „dumme Geld“ – nochmal Sorry, ist nicht persönlich gemeint – ist noch nicht da. Die Glücksritter, die Lottoscheine kaufen, an Spielautomaten zocken, bei MLM-Spielen mitmachen oder einfach nur immer wieder zu spät zu gierig sind – sie sind noch nicht da. Ebenso wenig die schläfrigen, übervorsichtigen Investoren, die gewöhnlich aufs Sparbuch setzen, selbst wenn das keine Zinsen bringt, und die man zu einem anderen Investment geradezu hinprügeln muss – und die erst dann einsteigen, wenn es ihnen von allen Seiten zugerufen wird und auch noch die seriösesten, altbackensten Quellen, wie ihr drittes Programm im Fernsehen, darüber senden. Sie sind auch noch nicht da.

Stattdessen zeichnet sich die Rally von 2020 – wenn es überhaupt schon eine Rally ist – durch professionelle Investoren aus. Grayscale, das Bitcoins an akkreditierte Investoren in für sie passender Form verkauft, hat Monat für Monat mehr Bitcoins eingesackt und besitzt nun mehr als eine halbe Million Coins. Unternehmen wie MicroStrategy und Square haben begonnen, nach reiflicher Überlegung Teile ihrer Cashreserven in Bitcoin umzuschichten. Immer mehr Banken – aber noch immer viel zu wenige – bieten ihren Kunden an, für sie Bitcoins zu vewahren; verschiedenste Finanzprodukte, von 1-Tages-Futures zu ETNs auf Börsen in Europa, erlauben es immer mehr Investoren, über ihre gewohnten Handelsplattformen in Bitcoin und Ethereum zu investieren, und immer mehr Vermögensverwalter nehmen Kryptowährung in ihre Portfolien auf.

Hinter dieser Rally steht nicht das „dumb Money“, sondern das „smart Money“. Im Grunde sogar das „Smartest Money“ – zu einem großen Teil die Leute, die das Geld anderer Leute verwalten und privat Bitcoins kaufen, aber regulatorisch noch Probleme haben, das für ihre Kunden auch zu tun.

Wiederholt sich die Geschichte? Was spricht dagegen?

Und was bedeutet das? Wird das große, dicke Ende, die nächste mächtige Blase, erst noch kommen? Wird Bitcoin zu Preisen hinaufschießen, die wir uns vor kurzem noch nicht mal zu wünschen gewagt haben? Soll ich jetzt schnell einsteigen, um nichts zu verpassen? Oder ist es schon zu spät?

Wie immer bin ich bei Preisen und Zukunftsvoraussagen vorsichtig. Ich bin kein Hellseher, und wenn ich versuche, etwas zu prognostizieren, liege ich so gut wie immer daneben. Eine Münze zu werfen gibt ein zuverlässigeres Orakel ab als ich.

Man kann allerdings sagen, dass ein neues Allzeithoch in den kommenden Monaten möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich ist. Man kann auch sagen, dass Bitcoin bisher immer, wenn es über Monate hin stetig, aber gemäßigt aufwärts ging, in den parabolischen Modus gewechselt hat, also fast schon senkrecht gestiegen ist. Dies geschah bisher mindestens einmal in jeder Reward-Ära – in der aktuellen aber noch nicht.

Gibt es einen Grund, weshalb dies nun nicht mehr passieren kann? Vielleicht, weil das Gewicht mittlerweile zu hoch ist. Für die Retail-Investoren war es 2017 leicht, den Preis von 1.000 auf 10.000 Euro zu heben. Aber wie viel müssen die „ganz normalen Leute“ investieren, damit Bitcoin von 15.000 auf 30.000 Euro steigt? Wie viele Haushaltsvorstände braucht man, um einen Michael Saylor zu haben, der in wenigen Monaten 400 Millionen Dollar gegen Bitcoin wechselt? Wie viele Kleinaktionäre sind notwendig, um noch einen Barry Silbert zu haben, der mit Grayscale Bitcoins im Wert von Milliarden angehäuft hat? Wie viele Banker und Investoren müssen sich jeden Tag in Bitcoin einkaufen, um die Preise von 15.000 oder 20.000 Euro stabil zu halten? Und wird das „Smart Money“ verkaufen, wenn es die Ankunft des „Dumb Money“ wittert, so wie immer, um einen Crash zu provozieren und unter Umständen günstig nachzukaufen? Oder gibt es noch genügend Reiche und Stinkreiche, die in Bitcoin investieren können – oder müssen? So wie Ricardo Salinas Pliego, der zweitreichste Mann Mexikos, der kürzlich erklärte, 10 Prozent seines Vermögens in Bitcoin zu halten.

Das sind so viele Fragen, auf die ich keine Antwort kenne. Klar ist nur, dass Bitcoin kurz vor seinem Allzeithoch steht, und dass ich den allermeisten meiner Leser schon heute zu ihrem Investment gratulieren darf.

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