Unerhört: Ein neuer Mining-Pool kündigt an, nur noch legale Transaktionen zu schürfen und alles, was den Hauch von Illegalität mit sich bringt, zu zensieren. Darf er das – und kann er das? Und ist die Zensurresistenz von Bitcoin noch zu retten?

DMG Blockchains Solution, eine gemischte Blockchain-Technologie-Firma, kündigt zusammen mit ihrer Tochtergesellschaft Blockseer einen neuen, US-basierten Mining-Pool an.

Blockseer ist eigentlich ein Blockchain-Analyst, der untersucht, welche Transaktionen zusammengehören und welche legal und illegal sind. Das passt hervorragend zu dem neuen Pool, der „der erste Bitcoin-Mining-Pool Nordamerikas sein wird, der die Auflagen des US Amtes zur Kontrolle von Auslandsvermögen (OFAC) nicht nur erfüllt, sondern auch übertrifft.“

Der neue Pool wird also der erste Mining-Pool sein, der sich proaktiv bemüht, die Wünsche von Regierungen und Aufsehern zu füllen. Man könnte auch sagen: Der Pool macht es zu seinem Geschäftsmodell, bisher als sicher geglaubte Wertgrundlagen von Bitcoin zu brechen.

Zunächst dürfen nur User ihre Hashrate beisteuern, wenn sie durch mehrere KYC-Protokolle gegangen sind und ihre Identität geprüft wurde. Danach filtern der Pool die eingehenden Transaktionen, wofür er Daten von Blockseer und Walletscore – eine weitere Plattform von DMG – benutzt und mit weiteren „verifizierten Quellen“ wie der Blacklist der OFAC verbindet. Die OFAC hat erstmals Ende 2018 Bitcoin-Adressen auf eine Blacklist gesetzt und diese seitdem wieder und wieder erweitert.

Die Erfahrung von Blockseer bei der Blockchain-Analyse gewährleiste, verspricht die Pressemitteilung, „dass der neue Pool zuverlässige Daten besitzt, um Betrug, Diebstahl, Geldwäsche und andere ruchlose Geschäfte zu erkennen und aus dem Block zu filtern, den der Pool an die Blockchain anhängt.“ Damit werde er zum ersten Pool, „der nicht primär auf Transaktionsgebühren fokusiert ist, sondern auf gute Transaktionsdaten und -historien.“

Wir haben also einen Pool, der nicht allein als ökonomischer Akteur auftritt, sondern auch als eine Art Polizist.

„Über kurz oder lang werden alle Pools gezwungen werden, Transaktionen zu filtern.“

Es war schon lange absehbar, dass etwas in der Art passieren würde. Schließlich nutzt der Pool lediglich die Mittel aus, die einem Miner im Bitcoin-System zustehen. Craig Wright, der selbsternannte Satoshi und Guru von Bitcoin SV (BSV), predigt schon seit Monaten, dass dies geschehen wird. Aber er ist nicht der einzige und auch nicht der erste, der über ein solches Szenario nachdenkt.

Riccardo Spagni, der ehemalige Chefentwickler der anonymeren Kryptowährung Monero, kommentiert den neuen Pool auf Twitter damit, dass er der erste sei, der es zu seinem zentralen Verkaufsargument mache, Transaktionen zu zensieren. „Die Regulierer werden dies ohne Zweifel als eine großartige Sache ansehen und andere Mining Pools ‚ermuntern‘, etwas ähnliches zu tun. Über kurz oder lang werden alle Pools gezwungen werden, Transaktionen zu filtern.“

Zunächst aber handelt es sich nur um einen einzelnen Pool. Dieser wird nach eigenen Analysen kriminelle Transaktionen ablehnen und die Blacklists von Regierungen, wie eben der US-Regierung, umsetzen. Dies wird zunächst kaum Konsequenzen haben, da es sich nur um ein freiwilliges Handeln eines einzelnen Pools handelt. Die anderen Pools sind nicht daran gebunden und werden weiterhin auch illegale Transaktionen minen.

Daher antwortet Chris Belcher von JoinMarket Riccardo Spagni auf Twitter: Mining sei ein hartes Nullsummenspiel, und Miner, die wie der Blockseer-Pool KYC-Regeln folgen, „lassen Geld auf dem Tisch liegen.“ Sie setzten sich selbst in einen Nachteil im Wettbewerb. Daher sollte der Markt es regeln, dass solche „regulierte“ Miner nicht die Oberhand erhalten.

Aber die Angelegenheit ist komplexer.

Die Spieltheorie wendet sich zugunsten der Zensur

Juraj Bednar vom Prager Hackerspace Paralelna Polis erklärt, weshalb die Sheriff-Miner wie Blockseer nicht die Mehrheit der Hashrate benötigen, um sich durchzusetzen.

„Stell‘ dir vor, du bist ein ehrlicher Miner, der Bitcoin mag, und du hast eben einen Block geschaffen, mit Transaktionen, die du selbst ausgesucht hast. Du weißt nun mit Sicherheit, dass 10 Prozent der Hashrate Transaktionen zensieren wird, die UTXOs von öffentlichen Blacklists enthalten – und die auch Blöcke verwaisen lassen, die solche zensierten Transaktionen enthalten.“

Wenn ein Miner einen anderen Block „verwaisen“ lässt, bedeutet dass, dass er sich weigert, auf diesem Block zu bauen. Er ignoriert ihn. Solche verwaisten Blöcke treten immer wieder durch Zufall auf, wenn zwei Miner beinah zum selben Zeitpunkt einen Block entdecken. Dann setzt sich in der Regel der durch, der sich am schnellsten im Netzwerk ausbreitet, und dem es gelingt, zur Basis zu werden, auf die der nächste Block aufbaut. Es kam auch schon vor, dass Miner das Verwaisenlassen anderer Blöcke als Machtinstrument genutzt haben, beispielsweise als BTC.top anlässlich einer Fork von Bitcoin Cash mehrere Blöcke „überschrieben“ hat, in denen Transaktionen waren, durch die ein Hacker einen mit SegWit verwandten Bug ausgenutzt hatte. Das System Bitcoin lässt Minern also Raum, nicht nur Transaktionen zu filtern, sondern auch die Blöcke anderer Miner zu verwerfen.

Was macht Jurajs „ehrlicher“ Miner also? Er hat einen Block mit einer UTXO, die auf einer Blacklist steht, aber einer „ausreichend hohen Gebühr, dass du ihn in den Block einfügen würdest. Die Gebühr ist 5 Dollar höher als die der nächsten Transaktion, die es nicht in den Block schafft.“ Der „ehrliche“ Miner filtert Transaktionen also ausschließlich nach Gebühren und folgt allein ökonomischen Anreizen, was in den Kategorien von Bitcoin tatsächlich „ehrlich“ ist, da er den spieltheoretischen Regeln von Bitcoin folgt. Doch diese haben sich mit dem Agieren der Sheriff-Miner geändert: „Allerdings … wenn du einen Block findest, der diese Transaktion beinhaltet, riskierst du, dass er es nicht in die gültige Blockchain schafft. 10 Prozent der Hashrate wird den Block unmittelbar verwaisen lassen.“ Der Miner gewinnt also 5 Dollar durch die Transaktionsgebühren, geht aber ein 10-prozentiges Risiko ein, dass er die komplette Belohnung von etwa 6,4 Bitcoin verliert. Es steht also 5 Dollar zu 0,64 Bitcoin oder etwa 9000 Euro.

Für einen ökonomisch rationalen Akteur ist die Entscheidung ziemlich einfach, oder? Um die Zensur zu brechen, müsste ein Miner extrem idealistisch handeln, was ihn an sich wiederum „unehrlich“ macht, da er die ökonomischen Regeln von Bitcoin ignoriert.

Explodierende Gebühren für Transaktionen mit zensierten Coins

Etwas anders sieht es das Cryptoeconomics-Wiki von Libbitcoin von Eric Voskuil, eine schon geradezu traditionelle Sammlung von kurzen Texten und Weisheiten zu Bitcoin. Eric sah das, was heute passiert, schon lange kommen, und wie Juraj geht er davon aus, dass die Zensur nur funktioniert, wenn die Miner aggressiv andere Blöcke verwaisen lassen:

„Die Durchsetzung von Zensur ist nicht von der Durchsetzung einer Soft Fork zu unterscheiden, wenn die Mehrheit der Hashpower Blöcke zurückweist, die nicht zensieren. Ohne eine solche Vollstreckung werden Transaktionen aufgrund einer ökonomischem Rationalität bestätigt.“ Wenn es zu einer solchen aktiven Zensur kommt, kann es allerdings geschehen, dass die Gebühren für Transaktionen mit Coins auf der schwarzen Liste steigen. Bevor ein 1-Millionen-Dollar-Coin für immer verloren geht, bezahlt man lieber 200.000 Dollar Gebühren, oder?

Solche hohen Gebühren werden eine exzellente Gelegenheit für Miner abgeben, Profite zu machen, indem sie die Zensur ignorieren. Sobald diese Gebühren ein entsprechend hohes Level erreichen, können sie dazu führen, dass neue Miner einsteigen und sich die gesamte Hashrate erhöht. Wenn das System einmal hunderte Millionen Dollar an unrealisierten Gebühren enthält, kann man eine Farm in der Hoffnung aufbauen, einmal die Mehrheit der Hashrate zu stellen. Wenn es soweit kommt, dass die sich der Zensur verweigernden Miner die Mehrheit der Hashrate aufbringen, scheitert die Zensur.

Allerdings ist fraglich, ob es tatsächlich so weit kommen wird. Vermutlich wird die Wirklichkeit, wie so oft, langweiliger und braver und weniger gierig sein, als man es sich in Spieltheorien ausmalt. Sollte die Zensur gelingen, kann das sehr weitreichende Folgen für Bitcoin haben.

Wie die Zensur das Lightning-Netzwerk schädigt

Juraj führt seine Überlegungen auf einem Blog fort und kommt auch zu der Frage, was es für das Lightning Netzwerk bedeuten würde. „Stell‘ dir für einen Moment vor, du betreibst einen Knoten im Bitcoin-Lightning-Netzwerk … Du bist ein guter Bitcoiner: Du hast einen Full Node, einen Lightning Daemon, du benutzt sogar Tor für all das. Du hast einige Channels aufgemacht, stellst Liquidität bereit, um Zahlungen zu routen, und verdienst dadurch einige Gebühren. Du machst alles, um dem Netzwerk zu helfen und Transaktionen zu verifizieren. Soweit, so gut. Oder – so weit, großartig!“

Dann aber kommt ein Drogendealer ins Spiel, der Bitcoins vom Darknetmarket über das Lightning-Netzwerk wäscht. Dazu setzt er zwei Knoten auf, routet eine Zahlung über deinen Knoten, schließt die Kanäle – und am Ende „hast du die schmutzigen Coins von den Drogengeschäften. Du kannst sie nicht einmal mehr durch Lightning zurücksetzen, da der andere Knoten nichgt mehr existiert. Die schmutzigen Coins enden in deiner Onchain-Wallet.“

Tatsächlich ist dies eines der unangenehmsten Risiken von Lightning: Man kann sich schmutzige Coins einhandeln, ohne dass man jemals mit jemand anderem Geschäfte gemacht hat. Ein Krimineller kann über einen Channel mit dir – den dein Knoten automatisch bildet – seine Coins gegen deine tauschen.

Stehen die Coins erstmal auf einer Blacklist, wird kein Miner eine Transaktion mit ihnen bestätigen. Man kann sie nicht zu einer Börse schicken, man kann keinen neuen Lightning-Channel damit eröffnen. Es ist so, als hätte man die Coins nicht.

Was passiert dann? Man kann natürlich zum Staat rennen und sich beschweren, dass die Coins, die man hat, zu Unrecht zensiert werden. Vielleicht wird der Staat sich entschulidigen und sie von der Blacklist streichen. Vielleicht wird er dich aber auch wegen Geldwäsche anklagen oder eine Untersuchung wegen Drogenhandel anleiern. Und sehr wahrscheinlich wird er den Lightning-Usern eine Lösung anbieten, die, so Juraj, etwa so geht: „Wir empfehlen, dass ihr dieses Open-Source-Modul für Lightning installiert. Es benutzt eine API, die die Coins verifiziert, mit denen andere Leute mit euch einen Channel öffnen wollen. Wenn sie sauber sind, werden wir einen Beweis der Reinheit geben, den ihr an eure Transaktion anhängen könnt, so dass ein Miner sie gerne minen wird, selbst dann, wenn die Coins später schmutzig geworden sind – weder du noch wir wussten das.“

Natürlich ist das genau das, wo wir nicht hinwollten. Oder doch? Schließlich dürfte es für viele nicht minder unangenehm sein, wissentlich, halbwissentlich oder unwissentlich das Geld von Drogendealern und anderen, womöglich noch viel schlimmmeren Verbrechern zu waschen. In jedem Fall ist es fraglich, ob sich ein solches Szenario langfristig überhaupt verhindern lässt.

Im Übrigen wäre das Zensieren von Coins aus illegalen Quellen extrem positiv für Investoren. Schließlich würde das grob geschätzt 1 bis 10 Prozent aller Bitcoins aus dem Verkehr ziehen.

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