Die Vision, Kryptowährungen für eine Mikro-Ökonomie der Maschinen und Geräte einzusetzen, konnte sich nicht durchsetzen, ging aber auch niemals ganz weg. Ein Hamburger Startup versucht sie nun mit der Software Pagi voranzutreiben.

Bei Bitcoin und Kryptowährungen ist in den letzten Jahren viel mehr passiert, als selbst Optimisten erwartet hätten.

Wer hätte ahnen können, dass so gut wie jede Zentralbank einmal anfängt, eine eigene Kryptowährung herauszugeben? Oder dass der Iran Bitcoin offiziell als Währung für Importe legitimiert? Dass Unternehmen reihenweise in Bitcoin investieren, um sich vor dem Verfall des Fiat-Geldes zu schützen? Oder dass eine Börse, die nur als Smart Contract auf Ethereum existiert, ein ähnliches Handelsvolumen reisst wie die Börse Stuttgart?

Trotz all dem bleibt ein gewisses Gefühl. Etwas fehlt. Irgendwie ist die Technologie noch nicht da, wo sie sein sollte. Es wäre mehr möglich. Wir haben diese futuristische Technologie, die Kryptomünze und die Blockchain, die Asic-Miner, die ganze Lagerhäuser füllen – aber wir bleiben auf seltsame Weise bei Anwendungen der Gegenwart.

Was wurde etwa aus der Idee, Bitcoin oder eine andere Kryptowährung für Automaten zu verwenden? Ein Parkplatzsensor bekommt kein Bankkonto, hat Markus Weinberger von Bosch schon 2016 festgestellt, und die Mikro-Ökonomie, bei denen jeder seine Geräte und seine Ressourcen effizient monetarisieren kann, sozusagen die endgültig-kapitalistische Version der Sharing-Ökonomie – ihr ist Krypto weiterhin kaum einen Schritt nähergekommen.

Von der Idee zur vollwertigen Software

Ein junges deutsches Startup möchte das ändern. Felix Reichard und Christian Oosting haben in Hamburg Pagi gegründet. Pagi, erklärt Felix, „ermöglicht es, nahezu jedes elektronische Gerät mit Hilfe von DLT anzusteuern und zu bezahlen. Hierdurch werden ganz neue pay-per-use Anwendungen möglich.“ DLT steht für Distributed Ledger Technologie, ein Begriff, der im Grunde Blokchain meint, aber das Wort nicht benutzen will, weil es nicht mehr ganz neutral ist. DLT wirkt besonders für die weitere, Krypto-externe Industrie attraktiver als Blockchain.

Vor rund einem Jahr war das Pagi-Projekt noch eine grobe Idee, heute ist es „ein vollwertiges Produkt mit einer gewaltigen Vision,“ erklärt die Webseite. Pagi ist gleichzeitig eine Software und ein Ökosystem, „das jedes Gerät ermächtigt, Zahlungen zu empfangen, Preise zu verhandeln, Erstattungen auszuzahlen und als ausgewachsener ökonomischer Agent zu handeln.“ Die Software lässt sich auf „eine Vielzahl an IoT-Geräte, wie Schalter, Steckdosen, Stecker, Relaiskarten oder Ventile, aufspielen.“ Durch sie können die Geräte beispielsweise Geld für Elektrizität, Wasser oder Gas verlangen. Eine Steckdose gibt Strom frei, eine Schranke an einem Parkplatz öffnet sich, ein Lüfter kühlt den Raum, eine Kaffeemaschine brüht Kaffee auf. Und so weiter.

Viele dieser Anwendungen gibt es heute schon: Man kann sich an Automaten Kaffee, Snickers, Bahntickets, Parkscheine und immer öfter auch Eier, Leberwurst oder Milch kaufen. In der Regel bezahlt man dabei mit Münzen oder, immer öfter, auch mit EC-Karten, was in manchen Fällen sinnvoll ist, vieles aber ausschließt. Denn Münzzahlungen, schreibt die Webseite von Pagi, „sind extrem ineffizient. Sie verlangen einen hohen Wartungsaufwand, sind anfällig für Fehler und Manipulation und brauchen eine Menge Platz.“

Zahlen für Kilowattstunden, Kaffees oder Minuten

Pagi führt stattdessen Zahlungen mit Kryptowährungen ein. Um genauer zu sein: Mit IOTA. Die Gründer haben dieses Protokoll gewählt, da es sowohl gebührenlos als auch erlaubnisfrei ist. Aber sie experimentieren auch mit anderen Protokollen und haben vor, auch andere Währungen einzuführen.

Die Software erlaubt es, die Geräte auf drei Arten zu monetarisieren: Man kann für einen bestimmten Zeitraum bezahlen – beispielsweise lässt sich eine Türe für X Stunden öffnen – oder für eine bestimmte Menge – zum Beispiel so und so viele Kilowattstunden Strom – oder schließlich für eine Aktion – etwa einen Kaffee aufzubrühen.

Verwaltet werden die Handel treibenden Geräte und Bauteile über ein Web-Interface, auf das sowohl der Administrator als auch die Kunden zugreifen können, beispielsweise indem sie einen QR-Code scannen. Im Webinterface kann der Administrator den Modus der Zahlung einstellen, die Adressen, Preise und so weiter. Kunden dagegen erhalten eine Statusübersicht sowie eine Zahlungsadresse.

Daneben soll Pagi kompatibel mit der Software für „Smart Home“, also intellligente Haushalte, sein, beispielsweise IOBroker oder Home Assistent. So können alle ohnehin schon vernetzten Haushalte zu Märkten werden, was beispielsweise für Air’n’B-artige Vermietungen von Apparements praktisch sein könnte.

E-Bikes laden und den Stromverbrauch in Hotels verbessern

Mehr als an einer bestimmten Währung oder Technologie ist Pagi an der Vision eines monetär betriebenen Internet der Dinge interessiert. Solange das unterliegende Zahlungsprotokoll beliebig skaliert – wie es IOTA angeblich macht, aber es auch Bitcoin SV oder Lightning für sich beanspruchen – kann man beliebig kleine Zahlungen in einer beliebig hohen Dichte mit jedem beliebigen Gerät verbinden. Es braucht nicht so viel Phantasie, um sich eine Menge sinnvoller Anwendungen vorzustellen.

„Ein starkes Beispiel ist die E-Mobilität, die nun schon seit vielen Jahren stark wächst,“ erzählt etwa die Webseite von Pagi, „E-Bikes, Elektro-Scooter oder andere Kleinvehikel gehören mittlerweile zum normalen Anblick in Städten auf der ganzen Welt.“ Aber alle diese Vehikel „teilen ein Problem: Sie brauchen Elektrizität. Es wurde zwar ein gut funktionierendes Netzwerk von Ladesäulen für Elektroautos während der letzten Dekade aufgebaut, aber diese Stationen erfüllen oft nicht die Anforderungen für Mikrovehikel, die viel weniger Elektrizität, aber dafür eine dichtere Verbreitung brauchen.“ Könnte man ein solches Netzwerk nicht organisch wachsen lassen? „Stellt euch vor, ein Hotel oder ein privater Haushalt verkauft seinen Strom weiter. Indem er Pagi benutzt, kann er mit wenig Aufwand durch eine simple Steckdose Geld verdienen.“

Ein anderes spannendes Beispiel ist das Hotelgewerbe. Der Energieverbrauch macht, so die Pagi-Webseite, rund drei bis sechs Prozent der operativen Kosten aus. Ein großer Teil der Energie wird für das Heizen und Kühlen verwendet, wobei die Verschwendung immens sein dürfte: Die Gäste lassen die Heizung oder den Lüfter den ganzen Tag laufen, selbst dann, wenn sie nicht anwesend sind. Ist ja nicht ihr Strom. Mit Steckdosen, die für den Verbrauch von Strom Geld verlangen, ließen sich Hotels energieeffizienter betreiben.

Um solche Visionen umzusetzen, ist es für Pagi freilich noch ein weiter Weg. Derzeit wurde erst die Software entwickelt, und Pagi beginnt mit einigen Usern eine Closed-Beta, um das System zu testen. Der weitere Verlauf wird auch davon abhängen, wie IOTA das Protokoll vorantreibt, und wie viele Änderungen dies der Software von Pagi auferlegt. Aber wer sich für die Technologie interessiert, sollte sich nicht scheuen, bei Pagi nachzufragen, ob noch ein Platz in der Closed Beta frei ist.

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