In Nigeria protestiert die Jugend gegen Polizeigewalt und weitere weitere „Biester“ ihres Landes. Bitcoin spielt dabei auch eine Rolle – und zwar nicht nur als zensurresistentes Zahlungsmittel.

Seit einigen Wochen toben in ganz Nigeria Proteste gegen die Regierung. Bitcoin ist dabei in zwei Beziehungen involviert.

Bei den Protesten geht es, wie schon zuvor in den USA, gegen Polizeigewalt. Im Fokus steht dabei vor allem die Einheit SARS, was für „Special Anti-Robbery Squad“ steht. Die Protestierenden verlangen von der Regierung die Auflösung der SARS, die für Brutalität und Morde berüchtigt ist.

Ein beliebtes Opfer der SARS-Gewalt sind auch Bitcoiner. Berichten zufolge nehmen die Polizisten jungen Leuten ihr Smartphone weg, schauen, ob darauf Krypto-Wallets sind und zwingen sie, ihnen die Bitcoins zu überweisen. Manche Bitcoiner löschen bereits ihre Apps vom Smartphone, um sich vor solchen Übergriffen zu schützen.

Ähnliche Berichte liegen auch aus Venezuela vor. Ob der Grund Armut, Korruption und Gier bei den Polizisten ist, oder ob sie Bitcoiner wegen mangelnden Wissens für Betrüger halten, ist nicht ganz klar.

Die Proteste, die sich über das ganze Land hinziehen und in der Hauptstadt Lagos effektiv zu einem „Lockdown“ geführt haben, zum Stillstand des öffentlichen Lebens, werden durch Spenden finanziert, teils von Individuen, teils von Organisationen. Durch diese Spenden wird etwa die Versorgung der Protestierenden mit Lebensmitteln, Medikamenten und Rechtsbeistand gewährleistet.

Allerdings begannen die Spenden auszutrocknen, nachdem Banken die Konten der Gruppen blockiert und Internetplattformen ihre Spendenlinks entfernt hatten. Die Demonstranten gingen jedoch rasch dazu über, zu Spenden in Bitcoins aufzurufen. Eine der Gruppen ist die Feministische Koalition, die für die Gleichberechtigung von Frauen in Nigeria kämpft. Sie hat die Proteste bereits mit Millionen von Naira (1 Million Naira sind etwa 2.200 Euro) unterstützt. Eigentlich hat die Koalition Geld über Flutterwave gesammelt, doch der Accounts wurde geschlossen und das darauf befindliche Geld konfisziert.

Also hat die Feministische Koalition begonnen, Spenden in Bitcoins zu sammeln. Dafür benutzte sie wohl zunächst eine einzelne Adresse, auf der innerhalb weniger Stunden einige tausend Dollar eingetrudelt sind und die bisher gut 1,24 Bitcoin empfangen hat. Mittlerweile nutzt die Koalition aber einen BTCPayServer, der für jede Spende eine neue Adresse generiert, was die Privatsphäre von sowohl der Organisation als auch den Spendern schützt: Nigerianer, die beispielsweise auf einer Börse Bitcoins kaufen, verraten derselben damit nicht, dass sie für die Proteste spenden.

Auch nigerianische Krypto-Unternehmen unterstützen die Proteste, darunter Bundle Africa, Bitsika Africa, CoinsApp Global und Quiday Africa. Der prominenteste Unterstützer dürfte aber Jack Dorsey sein, der nicht nur als Boss von Twitter und Square bekannt ist, sondern auch als Fan von Afrika und Bitcoin. Er retweetete den Spendenaufruf der feministischen Koalition:

Die Proteste sind von Europa aus vermutlich nur schwer zu verstehen. Ein Kommentar auf Sahara Reporters könnte einen kleinen Einblick in das geben, was die größte Volkswirtschaft Afrikas derzeit erschüttert. Wie wohl in den USA ist die Polizeigewalt nur der Auslöser, an dem sich die Frustration der Jugend entlädt.

In den vergangenen Wochen startete die Jugend landesweit Proteste, die „sich wie ein Buschfeuer verbreiten und getrieben werden von Kreativität, Innovation und Intensität.“ In Lagos zelebriert beinah jeder Block seine eigene Version des Protestes; jede Hauptstraße wird blockiert, wer motorisiert unterwegs ist, wird aufgefordert, sich den Protesten anzuschließen oder nach Hause zu gehen. Ähnliches spielt sich in anderen großen Städten wie Lekki und Abuja ab.

An sich haben die Demonstranten bereits ihr Ziel erreicht: Die Regierunug hat die SARS aufgelöst (und dafür die Gründung der Special Weapons and Tactical Unit, SWAT, angekündigt). Mehrere Dutzend Beamte wurden entlassen oder versetzt, einigen droht ein Straftprozess. Doch „Polizeigewalt ist nicht das einzige Biest: Die Jugend von Nigeria hat seitdem weitere identifiziert: Probleme mit der Tauschrate für Fremdwährungen, Cybercrime und Betrug, eine Explosion der Benzinpreise, Gesetzgeber, die unterarbeitet aber überbezahlt sind, Terror-Hirten, Arbeitslosigkeit, schlechte Straßen, eine gescheiterte Elite.“ All das – und vermutlich noch mehr – bedroht die Zukunft der Jugend Nigerias. „Sie wollen ihr Land nun zurück haben.“

Natürlich spielt Bitcoin in dieser möglichen politischen Umwälzung nur eine Nebenrolle. Aber vielleicht wird die Kryptowährung zu dem Detail oder Werkzeug, das den Protesten zum Erfolg verhilft. Denn einige der herkömmlichen Kontrollmechanismen funktionieren eben nicht mehr, seit es Bitcoin gibt.

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