Am vergangenen Wochenende fand in Frankfurt am Main die UNCHAIN statt – die erste Bitcoin-Konferenz „in Echt“, seit die Welt Corona hat. Über die Sorgen von Mitveranstalter Oskar Giese und seine Vorfreude haben wir schon berichtet. Ich selbst hatte keine Zeit, teilzunehmen, doch einer meiner Leser, Whimsy, war dort. Er hat mir einen lebendigen Bericht geschickt, der viel Begeisterung versprüht, aber auch nicht mit Kritik geizt. Den Bericht veröffentliche ich hier mit minimalinvasiven Korrekturen.

Von Whimsy

Die UNCHAIN fand im Zentrum Frankfurts in der Volksbühne statt. Das ist ein kleiner Veranstaltungssaal mit ungefähr 300 Sitzplätzen. Insgesamt war die Location recht überschaubar, was aufgrund der beschränkten Teilnehmerzahl jedoch eine sehr familiäre Stimmung hervorgerufen hat. Die Konferenz wurde an beiden Tagen auf zwei Teile aufgeteilt: Vormittags fanden die Talks auf der Bühne statt, nachmittags gab es ein Come Together an einer anderen Location. Ich vermute, dass der zweite Teil sogar noch viel spannender war, jedoch war ich aus unterschiedlichen Gründen lediglich beim ersten Teil mit dabei.

Ich kann auch nicht mehr jeden Talk reproduzieren – gerade am ersten Tag war ich sehr erschöpft, und manche Vorträge, die ich eher langweilig fand, sind einfach an mir vorübergegangen. Aber ich werde hier wiedergeben, was Erinnerung und Notizen hergeben.

Tag 1: Lightning, Gold und Libertäres

Am ersten Tag war Theo Goodman der Showmaster. Wer früher schon einmal auf der UNCHAIN war, dürfte ihn kennen. Er hat mit seinem ersten Vortrag zur Einleitung einen sehr gelungenen Start hingelegt. Dabei ging es um die aktuelle Lage an den Finanzmärkten, um Banken, Börsen, WireCard, Korruption, die EZB, die BaFin und mehr. Besonders gefallen hat mir die lockere und humorvolle Art des Vortrags.

Darauf folgte ein Vortrag von Aaron Koenig, der Bitcoin und Gold verglich. Er wurde zwar nicht viel geistreicher als die üblichen „Tabellenvergleiche“, gab aber die eine oder andere historische Anekdote, etwa zum Gold-Standard, zum Besten, was ich sehr unterhaltsam und auch lehrreich fand.

Anschließend kam die erste von drei Frauen als Vortragende auf die Bühne, Olga Ukolova von Pandora Core. Sie sprach eher allgemein bleibend über Unabhängigkeit, persönliche Freiheit und Libertarismus. Da ich mich erst seit kurzem mit einer liberalen bzw. libertären Lebenseinstellung beschäftige, war es für mich interessant, diese Gedankengänge kennenzulernen. Das zieht sich ja auch wie ein roter Faden durch die UNCHAIN. Ansonsten wirkte Olga auf mich etwas egozentrisch und arrogant, und ich habe mich gefragt, ob es da einen Zusammenhang gibt. Im nächsten Talk konkretisierte ein Kollege von Olga, wie man die von ihr beschriebene libertären Ziele erreichen kann. Allerdings habe ich da nicht wirklich viel mitgenommen. Mir kam es vor, als würde er viel um den heißen Brei herum reden, so dass man zwar immer zustimmend nicken kann, aber nicht wirklich etwas mitnimmt.

Ohne Saxophon und Cello wäre es nicht die UNCHAIN. Alle Bildrechte bei Anastasya Stolyarov

Den Vortrag von Jeff über Fulmo habe ich leider verpasst, es ging um das Lightning-Netzwerk und deswegen wäre er vermutlich wirklich spannend gewesen. Ich habe aber die Fragerunde danach mitbekommen und bekam das Gefühl, dass Lightning immer noch nicht richtig in der Bitcoin-Community angekommen ist – und das inmitten zahlreicher Bitcoin-Maximalisten – da sehr viele „einfache“ Fragen gestellt wurden: Welche Arten von Nodes gibt es und wie unterscheiden sich diese? Full-Nodes, Light-Nodes, LND-Nodes, und so weiter? Die darauf folgende Vorstellung von nodl.it hat mich ziemlich gelangweilt, da es gefühlt nur Werbung für deren Bitcoin- bzw. Lightning-Node war, was ich als eingefleischter Linux-Nutzer und Bastler eh nicht kaufen würde. Aber für andere war das bestimmt interessant.

Beim letzten Talk von Federico Tenga bin ich glaube ich eingeschlafen. Das lag aber nicht unbedingt am Inhalt, sondern an meiner Erschöpfung. Die Reise, der lange Tag, die vielen Informationen und die vielen Begegnungen hatten mich zu dem Zeitpunkt schon etwas ausgelaugt. Wer mal eine Konferenz besucht hat, ohne es gewohnt zu sein, dürfte das kennen. Abschließend gab es noch eine Panel-Diskussion mit vier Teilnehmern über Self-Sovereignty, was das für die einzelnen Teilnehmer bedeutet usw. usf. (Anfangs hatte ich das Thema falsch verstanden und gehofft, dass es um SSI geht). Mir persönlich blieb die Diskussion etwas zu oberflächlich. Es gab viel Zustimmung, aber wenig tiefen Inhalt.

Tag 2: Genial und wahnsinnig, treffend und daneben

Der zweite Tag wurde von Aaron Koenig geleitet, den ich schon am Tag zuvor durch seinen Vergleich von Bitcoin und Gold kennengelernt hatte. Der Tag begann gleich mit einem extrem spannenden Vortrag, der zu meinem persönlichen Konferenz-Highlight wurde:

Pavol Luptak von der Prager Paralelní Polis hat als Krypto-Anarchist gezeigt, wie man aus „dem System“ ausbrechen kann, um ein freies Leben zu gewinnen. Mit dem System meint er etwa das klassische Finanz-/Verwaltung-/Behördensystem. Pavol stellt verschiedene Wege vor, dieses System zu verlassen: Durch den Aufenthalt in einem günstigen Land (keine Staatsbürgerschaft), einen günstigen Standort fürs Unternehmen, die Umstellung aller Finanzen auf Crypto only, die Kündigung aller Bankkonten, Nutzung internationaler SIM-Karten ohne Verifizierung, private und internationale Krankenversicherung, und vieles mehr … Da ich mich ebenfalls als Kypto-Anarchist bezeichnen würde, habe ich hier sehr viel gelernt; die vielen Fragen aus dem Publikum am Ende des Talks zeigen, dass nicht nur ich den Talk spannend fand. Etwas gefehlt hat mir aber eine kritische Selbstreflexion, etwa, welche Methoden lediglich dem eigenen Vorteil (Steuervermeidung) dienen, und wie man trotzdem seinen Beitrag zur Gesellschaft leisten kann.

Sehr passend dazu war der Vortrag der zweiten weibliche Speakerin – Grace Torrellas von Blockchain4Humanity: Sie hat die bei Pavol fehlenden sozialistischen Aspekte aufgegriffen und gezeigt, wie Blockchain für mehr Gerechtigkeit und eine bessere Welt eingesetzt werden kann. Ich fand das Thema super spannend, und Grace hat auch einige Beispiele genannt. Allerdings habe ich nicht wirklich verstanden, wie diese nun umgesetzt werden sollen. Zuletzt hat Grace gezeigt, wie in der aktuellen Krise armen Bauern mittels einer Bitcoin-Wallet aus der finanziellen Schieflage geholfen werden konnte – leider ist mir auch hier nicht klar, wie das konkret funktioniert hat, geschweige denn woher die BTC kamen.

Aaron Koenig (l) und Giacomo Zucco (r). Bildrechte komplett bei Anastasya Stolyarov.

Als nächstes war Giacomo Zucco auf der Bühne. Dummerweise habe ich mich vorher über ihn informiert und war bereits voreingenommen (zum Beispiel auf dem Bitcoinblog.de). Aber man hätte auch so nach paar Minuten bemerkt, dass der Typ definitiv einen Schlag weg hat. Er hat Bitcoin sowie andere Assets (FIAT, Gold, Silber, Rinder, Lightning-BTC, „Shitcoins“) unter den Aspekten Store of Value, Medium of Exchange und Unit of Account bewertet. Dabei hat er es sich ziemlich einfach gemacht und die Punkte so vergeben, dass Bitcoin immer als Sieger dastand. Der Vortrag war schon unterhaltsam, aber als Zuhörer wurde man mit so viel Inhalt, Meinung und Ideologie überflutet, dass es gar nicht möglich war, selbst mitzudenken oder kritisch zu hinterfragen. Ein wenig kam seine Bewertung von Bitcoin und anderen Coins wie eine Gehirnwäsche einer Ideologie rüber. In der anschließenden Fragerunde hat die Aussage „In the end I am right and everything else is wrong“ seine Kritikfähigkeit und Diskussionsbereitschaft nochmal unterstrichen (zugegeben ist das aus dem Kontext gerissen, spiegelt aber mein Bauchgefühl von dem Vortrag ganz gut wider).

Den Vogel abgeschossen hat jedoch Thorsten Polleit vom Degussa Goldhandel im nächsten Talk. Zunächst ist der Professor – anders als alle anderen Vortragenden – im Anzug auf die Bühne getreten und hat eine Rede vom Rednerpult abgelesen. Das kam irgendwie fehl am Platz und sehr „steif“ rüber. Gestartet hat er mit einer Danksagung an die Demonstranten in Berlin, welche gerade gegen die Corona-Auflagen demonstriert haben und er hat dazu aufgerufen, sich das alles nicht gefallen zu lassen und sich der Bewegung ebenfalls anzuschließen – Applaus im Saal. Sein Vortrag hat sich viel um Unabhängigkeit, Österreichische Schule, usw. gedreht. Wer das nicht kennt, dürfte es interessant gefunden haben, bei mir ist nicht viel hängen geblieben, da wenig neues dabei war. Am Ende des Vortrags kritisierte Polleit die derzeitigen staatlichen Corona-Subventionen als ein Mittel der Regierung, um bestimmte Wirtschaftsbereiche zu stärken und andere gewollt zusammenbrechen zu lassen. Das ging ja noch. Dann aber sagte er: „Wenn die Regierungen alles Retten – Banken, Unternehmen, Konsumenten –, dann führt das zu einem Wirtschaftssystem, wie man es in der Zeit der Nationalsozialisten hatte.“ Ich finde diesen Vergleich unangebracht und populistisch. Weil Herr Polleit auch noch eine Honorarprofessur der Uni Bayreuth innehält, an welcher ich derzeit studiere, versank ich im Fremdschämen.

Die Mittagspause wurde nach hinten verschoben und so hat noch Ursula O’Kuinghttons ihren Talk gehalten, an welchen ich mich jedoch leider nicht mehr erinnern kann. Nach der Pause gab es die zweite Panel-Diskussion, diesmal über das Thema dezentrale Finanzen. Giacomo Zucco hatte noch einmal die Gelegenheit, jedes Projekt außerhalb der Bitcoin-Welt schlechtzureden. In der 4er-Gruppe bestand der Konsens, dass DeFi derzeit die dritte Scam-Welle nach nutzlosen Coins und ICO’s darstellt und es konnte – auch nach expliziter Nachfrage – kein seriöses Projekt genannt werden. Nichts desto trotz sahen die Diskutierenden ein großes Potenzial in der Zukunft, sobald die Projekte erwachsen geworden sind.

Als nächstes hat  Andreas Petersson nicht-fungible Token vorgestellt und diese mit fungiblen Token verglichen. Dabei hat er auch sein Projekt präsentiert, Cryptostamps, das für die österreichische Post Briefmarken als Token auf der Ethereum-Blockchain abbildet. Der Vortrag war eine nette Abwechslung, da es mal um Token und Ethereum ging. Spannend fand ich auch den Vortrag von Carlos Roldan von Satoshi’s Games. Er kritisiert das geschlossene Ökosystem von Spielen, etwa, dass Belohnungen wie Waffen oder Skins nur in einem Spiel eingesetzt werden können und man sie in der Regel auch nicht auszahlen kann. Aus diesem Grund hat Satoshi’s Games ein Spiel namens LightNite entwickelt (Beta), welches die Auszahlung von Rewards per Lightning ermöglicht sowie Assets aus dem Spiel (digitale Collectibles) auf der Liquid Sidechain übertragen können soll. Passend dazu gibt es eine SDK, über welche Spieleentwickler die Funktionen in ihr Spiel einbauen können. Aus welchem Anreiz heraus das ein Entwickler einbauen soll und woher die ausgezahlten Coins stammen, wurde mir hingegen nicht klar.

Im letzten Talk hat Lando Rothbardian Shopinbit vorgestellt, was ein Onlineshop mit über 90.000 Artikeln ist, bei welchem man ausschließlich mit Kryptowährungen bezahlen kann. Außerdem betreibt er SatoshiGoods.com, was ein Onlineshop für Crypto-Merchandise ist.

Corona-Verharmlosung

Lange habe ich überlegt, ob ich dazu etwas schreibe oder nicht. Aber die negativen Äußerungen zu den Corona-Maßnahmen waren derart omnipräsent und sind mir so sauer aufgestoßen, dass ich etwas dazu sagen muss. Über den Vortrag von Thorsten Polleit habe ich mich ja schon geärgert.

Dass sich nicht alle Personen zu jeder Zeit an Abstandsregeln und Maskenpflicht gehalten haben, war nicht das Problem. Viele Personen auf der Konferenz identifizierten sich mit dem Libertarismus, und da passt es ja grundsätzlich nicht, dass der Staat irgendwelche Vorgaben macht. Ein Teilnehmer bei der ersten Diskussionsrunde hat es auch sehr gut beschrieben: “Ich habe kein Problem damit, eine Maske zu tragen, ich habe ein Problem damit, dass mich der Staat dazu zwingt.“. Ich fand diese Aussage sehr interessant, da ich so die Gedankengänge nachvollziehen konnte und den Punkt durchaus verstehe. Freigeister lassen sich eben nicht gerne etwas befehlen, und unter Bitcoinern und Libertären findet man viele Freigeister. Aber ich frage mich, ob man gesundheitsschützende Maßnahmen lediglich ablehnen sollte, weil die Regierung einen dazu zwingt? Kann man hier nicht selbst denken, anstatt sich indirekt bzw. inversiv seine Einstellung vom Staat aufzwingen zu lassen?

Positiv anmerken möchte ich jedoch, dass von Seiten der Organisatoren auf die konsequente Einhaltung zahlreicher Maßnahmen geachtet wurde, jedoch hat man mehrmals auf der Bühne betont, man mache das nur, damit die Veranstaltung nicht dicht gemacht wird. Ein wenig, als würde man sich dafür schämen. Außerdem hat ein Speaker auf der Bühne kritisiert, dass die aktuellen Tests nicht zuverlässig seinen, was meinem Kenntnisstand nach schlichtweg falsch ist und auch nicht unbedingt in die Fachkompetenz des Sprechers fiel.

Ich hätte mir gewünscht, dass die Speaker sowie Teilnehmer mehr Dankbarkeit für die Zulassung der Konferenz unter Auflagen gezeigt hätten, anstatt die eigene Bequemlichkeit und Ideologie dem Schutz einer Gesellschaft voranzustellen.

Dennoch eine sehr gelungene Veranstaltung

Es kann sein, dass manches, was ich geschrieben habe, zu negativ klang. Ich war nicht mit jedem Speaker einverstanden und fand nicht jeden Vortrag spannend. Aber das bedeutet nicht, dass ich die UNCHAIN nicht genossen hätte. Das habe ich, und zwar sehr. Ich fand es unglaublich spannend, die Ideale der Bitcoin-Maximalisten und Libertären besser kennenzulernen, und ich denke, dafür war die UNCHAIN absolut perfekt.

Etwas schade fand ich, dass die Konferenz größtenteils Bitcoin sowie assoziierte Themen behandelt hat. Das wäre an sich kein Problem, jedoch fühlte ich mich nach den zwei Tagen wie in einer Bubble, bei der Bitcoin hoch gepriesen wird, alle Herausforderungen löst und alle anderen Coins würde eh keiner benötigen.

Außen vor blieb auch jede kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Problemen des Bitcoin Netzwerks, beispielsweise mit der Skalierung, den Gebühren oder der Privatsphäre.

Nichts desto trotz war es eine gelungene Veranstaltung und den Veranstalter möchte ich ein großes Lob aussprechen, gerade in der aktuellen Situation trotzdem eine von sehr wenigen Conventions zu veranstalten.

Fandet ihr den Bericht interessant? Wenn ja, könnt ihr Whimsy eure Dankbarkeit mit ein wenig Bitcoin-Spenden erweisen. Die Gebühren sind gerade erträglich, so dass man auch kleinere Summen versenden kann. Die Spende bitte an die 3QGigmWtcugUTQABTb8XWKJxD8mhMLFvDg schicken (im Link ist ein QR-Code).

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