Laut einem Webinar meint der Börsenexperte Dirk Müller, dass Bitcoin nur der Türöffner für eine vollüberwachte digitale Zentralbankwährung ist. Ist etwas dran an dieser Theorie?

Der Focus hat letztens ein Webinar veranstaltet, bei dem „Mr. Dax“ Dirk Müller über die gesellschaftlichen Folgen von Corona referiert hat. Dabei ging es erstaunlicherweise auch um Kryptowährungen.

Müller ist überzeugt, „dass Kryptowährungen unsere künftige Währung“ sein werden, wenn „die Krise“ vorbei ist. Damit meint er nicht die Corona-Krise, sondern eher eine generelle Krise des Finanzsystems, die „so um 2030“ in eine „Reset-Phase“ übergeht. Nach dieser großen Krise werde man dann alles neu aufbauen, und zwar mit einer digitalen Währung. Die werde jedoch lediglich alten Wein in neuen Schläuchen servieren: einen digitalen Euro oder digitalen Dollar, in jedem Fall eine „digitale Zentralbankwährung“.

Bitcoin als Trojanisches Pferd

Anders als die „Freunde von Bitcoin“ und Kryptowährungen sich das wünschen, so Müller, werden diese neuen digitalen Währungen „keine privaten Zahlungsmittel“ sein, sondern vollkommen überwacht und kontrolliert. „Jeder Euro und jeder Cent“, den man jemals ausgegeben hat, wird „in diesen Ledgers“ dokumentiert. Die digitalen Währungen werden jegliche finanzielle Privatsphäre mit Stumpf und Stil ausrotten.

Schuld daran ist Bitcoin. Denn die erste Kryptowährung war der „Türöffner“. Für Müller war Bitcoin niemals mehr als „ein Marketinginstrument, mit dem man die Menschen auf so etwas vorbereitet“. Jeder mag Bitcoin, doch nicht Bitcoin wird das Weltgeld, sondern das, was im nächsten Schritt kommt: die digitalen Währungen der Zentralbanken. Diese werden dann natürlich Bargeld ersetzen. Anstatt den Weg in die Freiheit – oder in eine Kryptoanarchie – zu ebnen, wird Bitcoin zum ersten Glied einer Kette, die in die Massenüberwachung führt.

Hat Müller womöglich recht? Oder ist das nur ein Nachwort zu seinem „Machtbeben“, in dem er schon darüber spekuliert, dass Bitcoin von der NSA oder einem anderen US-Geheimdienst erfunden wurde, um die große globale Bargeldabschaffung vorzubereiten? Oder gar die soundsovieltste Fußnote zu seinem ersten Artikel über Bitcoin, in dem er die Kryptowährung Ende 2013 als Blase abgetan hat?

Drei Schritte zurück, um einen Schritt vorwärts zu gehen

Die Hypothese von Müller klingt etwas absurd: Ein Staat schafft Bitcoin um etwa zwanzig Jahre später eine eigene digitale Währung einzuführen, die genau das Gegenteil von Bitcoin ist, aber sich dennoch genau deswegen durchsetzt, weil Bitcoin den Weg gebahnt hat. Bitcoin selbst wird sich vermutlich irgendwie mitsamt seinem Ökosystem und seinen technischen Kindern in Luft auflösen.

Das Schaffen einer beispiellosen monetären Freiheit durch Bitcoin, könnte man die Theorie abkürzen, war lediglich der ersten Schritt eines Plans, der die monetäre Versklavung aller zum Ziel hat. Um sein Ziel zu erreichen, muss man erst mal drei Schritte zurückgehen.

Aber schauen wir uns die einzelnen Bausteine von Müllers Theorie an und versuchen, daraus ein konsistentes Gebäude zu bilden.

Ein merkwürdiger Plan

Da man nicht weiß, wer Bitcoin erfunden hat – oder es zumindest höchst umstritten ist – ist Müllers Vermutung, die NSA oder ein anderer Geheimdienst habe Bitcoin entwickelt, natürlich nicht zu widerlegen. Aber sie wäre dennoch absurd.

Bitcoin HAT den Regierungen die Hoheit über das Geld entrissen. Das ist ein Fakt. Menschen können dank Bitcoin Geld auf eine Weise besitzen, dass Regierungen sie nicht über die Netzwerke der Banken enteignen können, und sie können Werte in einer geldähnlichen Form speichern, die nicht der Inflation der Geldpolitik unterliegt. Bitcoin selbst mag zwar nicht so privat sein, wie viele anfangs gedacht haben, aber viele Weiterentwicklungen, von Mixern bis Monero, sorgen dafür, dass Geldströme doch wieder privat werden.

Sollte Bitcoin eine Erfindung der Geheimdienste sein, haben diese sich damit tief ins eigene Fleisch geschnitten. Geheimdienste und Regierungen wollen Kontrolle. Bitcoin nimmt ihnen diese. Sollte Bitcoin tatsächlich eine staatliche Erfindung sein, dann ging der Plan spätestens dann in die Hose, als sich Mixer und Privacy-Coins gebildet haben.

Inflation oder Deflation?

Auch die Idee, dass Bitcoin nur der Türöffner ist, überzeugt nicht so recht. Wenn sich Bitcoin als Alternative zu Euro und Dollar etabliert – weshalb sollten die Leute dann wieder die Hoheit über das Geld an die Regierungen abgeben? Es kann sein, dass man im Alltag Stablecoins verwenden wird. Aber mit Bitcoin ist die Flucht aus dem Fiat-Geld immer nur einen Klick weit weg. Warum sollte eine naheliegende Alternative dem digitalen Fiatgeld helfen?

Vielleicht kommt man der Antwort näher, wenn man sich fragt, welche Krise und welchen Reset Dirk Müller meint. Da ich sein Buch nicht gelesen habe, kenne ich die Antwort nicht. Sollte es sich um eine Krise handeln, bei der Euro und Dollar und so weiter massiv an Wert verlieren, würde dies das Vertrauen in diese Währungen natürlich untergraben – und Bitcoin als Alternative noch attraktiver machen. Wie sollte nach einer solchen Krise ein als digitaler Zentralbankcoin herausgegebener Dollar und Euro das notwendige Vertrauen gewinnen? Und wie sollte er sich beim großen „Reset“ gegen Bitcoin oder andere Kryptowährungen durchsetzen? Wäre es nicht viel wahrscheinlicher, dass der nächste richtig große Knall damit endet, dass Zentralbankgeld nur noch eine Währung unter vielen ist?

Sinnvoll wäre die Prophezeiung von Dirk Müller dagegen, wenn die große Krise deflationär wäre. In dem Fall würde nämlich das Vertrauen in Euro und Dollar als Wertspeicher erhalten bleiben und womöglich noch ansteigen, während das tatsächliche ökonomische Problem im mangelhaften Umlauf des Geldes liegen würde. Dieses Problem könnte eine digitale Zentralbankwährung womöglich lösen, da sie den Umlauf erhöht und vielleicht bei Bedarf negative Zinsen durchsetzt.

Allerdings hat Dirk Müller offenbar erst vor einigen Monaten deutlich vor den Gefahren einer nahenden Inflation gewarnt. Daher dürfte diese Vermutung wohl falsch sein.

Viel Vertrauen in Kompetenz der Regierung

Als Börsenmarkler verdient Müller seinen Lebensunterhalt dadurch, dass er in die Schaffenskraft von Unternehmern investiert. Daran gemessen ist sein Vertrauen in die Kreativität der Individuen erstaunlich gering: Er glaubt nicht, dass ein Einzelner Bitcoin erfunden haben kann. Er glaubt auch nicht, dass die Bitcoin-Szene es schafft, Bitcoin in zehn Jahren als Währung zu etablieren. Und er glaubt nicht, dass die Individuen dieser Welt sich bewusst für Bitcoin entscheiden werden, um der (von ihm vorhergesagten) Wertvernichtung durch ein politisch instrumentalisiertes Geld zu entfliehen.

Stattdessen demonstriert Müller ein beeindruckendes Vertrauen in die Kompetenz staatlicher Institutionen: Er vertraut darauf, dass staatliche Organe in der Lage waren, Bitcoin zu erfinden, und er vertraut darauf, dass sie es schaffen werden, ein funktionierendes digitales Zentralbankgeld herauszugeben.

Die Wirklichkeit zeigt, dass Müller den Individuen zuwenig und den Staaten zuviel zutraut. Die Privatwirtschaft rund um Bitcoin ist den staatlichen Stellen sowie dem etablierten Bankensystem um Jahre voraus: Während die Banken erst anfangen, über einen digitalen Euro nachzudenken, geben Bitcoin-Unternehmen schon längst Stablecoins heraus; und nachdem die staatlichen Überwacher langsam verstehen, wie man Bitcoins beobachtet, ändert die Szene mit Mixern, CoinJoins und Privacy-Coins die Regeln.

Damit Müllers Prognose Wirklichkeit wird, müssen die Regierungen gegenüber den privaten Akteuren eine Menge Land gutmachen. Aber wie sollen sie das schaffen?

Wird Bitcoin verboten werden?

Natürlich könnten die Regierungen Bitcoin einfach verbieten. Aber gerade nach einer inflationären Krise wird das ziemlich problematisch. Schließlich wird ein gewisser Teil der Bürger dann voraussichtlich seine Werte in Bitcoins erhalten haben, und darunter werden vermutlich auch – vielleicht gerade – Politiker und Banker sein. Im Rahmen einer Demokratie dürfte das kaum durchsetzbar sein. Wird das „Reset“ also auch gleich die Demokratie abschaffen?

Oder geht Müller davon aus, dass Bitcoin auch in zehn Jahren noch eine Nischenwährung sein wird? Dass die Welt nun diese Technologie hat, aber brav darauf wartet, dass die Zentralbanken sie auf die Weise einsetzen, die für die Bürger maximal ungünstig ist? Und selbst wenn würden Bitcoin und andere Kryptowährungen weiterhin als privatere und inflationsresistente Alternative fortbestehen.

Ein seltsamer Mix

Es bedürfte also eines seltsamen Mixes, um Müllers Prophezeiung wahrwerden zu lassen: Erstens müsste die große Krise, die er voraussagt, nicht inflationär sein, sondern – irgendwie – das Vertrauen in das Fiatgeld dauerhaft erhalten. Zweitens dürfte sich weder Bitcoin noch eine andere Kryptowährung bis 2030 flächendeckend als Zahlungsmittel durchsetzen, und wenn, dann ohne die Verbesserungen der Privatsphäre mitzunehmen, die wir schon heute haben. Drittens müssten die Menschen sehenden Auges in ein vollüberwachtes Geldsystem rennen und Bargeld aufgeben, ohne auch nur daran zu denken, in Bitcoin und andere Kryptowährungen auszuweichen.

Vielleicht wird das passieren. Aber viel eher wirft dies die Frage auf, wie eine staatlichen Organisation, die einen so wackeligen Plan geschmiedet hat, die Kompetenz haben soll, so etwas Brillantes wie Bitcoin zu erfinden. Oder ob Dirk Müller sich wirklich genug mit Bitcoin beschäftigt hat.

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